Fluchtgeschichten

Integration ist das wichtigste Ziel unserer Arbeit. Wir wollen keine Parallelgesellschaft, wir wollen, dass die Menschen die zu uns kommen zu uns gehören. Wir glauben, dass es wichtig ist voneinander zu wissen um uns kennen und schätzen zu lernen.

Darum Fragen wir die Menschen die zu uns kommen nach ihren Gründen und Erwartungen.

Hier findet ihr die Antworten.

Sie kommen aus unterschiedlichen Teilen der Welt. Viele Menschen verlassen ihre Heimat, weil siefliehen müssen vor Gewalt und Willkür. Und weil sie sich nicht mehr auf die verlassen können, die sie eigentlich schützen müssten, nämlich die eigene Regierung. Der Leidensweg endet allerdings nicht zwingend mit der Ankunft in Deutschland. 

von Maria Löffler

Haben Kidane                         aus Eritrea 

Ammad Mussa Popal Zai aus Afghanistan

Familie Alasadi/Jaooni                  Syrien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weniger Wert als ein Tier

 

„Ich bin ein Kroniche,“ sagt der 23-jährige Haben Kidane aus Eritrea und grinst charmant. Er sei angekommen in „seiner Stadt,“ die er so liebe. In der er viele Menschen kenne und in der er sich mittlerweile sicher fühle. Doch der Weg dahin sei nicht ganz so einfach gewesen. „Manchmal habe ich gedacht, es ist doch alles scheißegal. Du bist weniger wert als ein Tier. Wenn dich jemand findet, verkauft er einfach deine Organe.“ Haben Kidane spricht von seiner Flucht und über die Zeit, als er alle Menschen gehasst habe. Heute sei er stolz auf sich, alles hinter sich gelassen zu haben und nach vorne zu blicken.

Was er hinter sich gelassen hat, ist sein Familie. Vier Brüder, die er seit rund sieben Jahren nicht mehr gesehen hat und eine Mutter, die von 30 Euro im Monat leben muss. Der Vater lebe mittlerweile in Saudi Arabien, ein Bruder in Äthiopien. So sei die Familie also in vier Länder verstreut und Haben Kidane schickt Geld, um ihnen das Überleben zu sichern. Seinen Vater, einen ehemaligen Soldaten, habe er, wenn überhaupt, nur alle zwei Jahre gesehen. Mit ihm sei er aber noch in Kontakt, genauso wie mit seiner Mutter und den Brüdern.

Auf die Frage, wie er denn in Adi-Keyh, seiner Heimatstadt mit rund 13 000 Einwohner gelebt habe, zuckt er mit den Schultern. „Kinder bleiben hier perspektivlos. Dabei war ich gut in der Schule. Ich bin der Älteste, wollte eigentlich bleiben, aber hier gab es keine Zukunft für mich, außer das Militär. Und das wünsche ich niemandem.“ Tatsächlich ist der Militärdienst in Eritrea unbefristet und gleicht eher einer Zwangsarbeit. Er kann jahrzehntelang dauern und die Besoldung macht zum Beispiel die Ernährung einer Familie unmöglich.

So habe er dann beschlossen, das Heimatland und seine eigene Kultur zu verlassen, um dem Damoklesschwert Militär zu entfliehen. Denn Soldaten hätten nach Abschluss der neunten Klasse fast permanent vor der Haustür gestanden, hätten sogar einmal seine Mutter mitgenommen. Haben Kidane kam bei den Großeltern unter. Nach etlichen Schikanen sei klar gewesen, dass er entweder unter dem Druck zusammenbrechen würde, oder eben fliehen musste. Haben Kidane entschied sich für die zweite Option und so machte er sich als 16-Jähriger ohne Geld und Papiere auf den Weg in ein neues Leben, die er schildert.

Zunächst sei es ihm gelungen, die Grenze zu Äthiopien zu überqueren. „Man musste sich verstecken und warten, bis nur noch wenige Wachposten da sind“, sagt er. Haben Kidane schaffte es zunächst bis zu einem Flüchtlingscamp, in dem er dann zwei Wochen blieb. „Dort herrschten unvorstellbare Bedingungen. Es gab kaum etwas zu Essen oder zu Trinken. Dazu waren die hygienischen Verhältnisse katastrophal. Ich wurde sehr krank.“ Darüber hinaus gebe es auch keinerlei Telefonverbindung von Äthiopien nach Eritrea und ein Kontakt zu seiner Familie sei unmöglich gewesen.

Nachdem er seine Krankheit überwunden hatte, ging es für Haben Kidane zunächst in den Sudan. Hier habe er sich zumindest ab und und zu ein paar Euros verdienen können, indem er zum Beispiel Straßen kehrte. Auch sein Vater, zu dem er wieder Kontakt aufnehmen konnte, habe ihm etwas Geld geschickt. Von ihm habe er auch die 2000 Dollar für seine Flucht bekommen, um damit die Schlepper zu bezahlen. Und seine Mutter habe dafür ihr Gold verpfändet, dass sie bei ihrer Heirat erhalten habe.

Drei Monate blieb Haben Kidane im Sudan, dann ging es weiter nach Libyen. Zehn Tage durch die Wüste in einem kleinen Pkw, in dem eigentlich nur für vier Personen Platz gewesen sei und in dem letztendlich 20 fuhren, schilder er. Eng zusammengedrängt und eigentlich zusammengefaltet. Die beiden Fahrer hätten sich abgewechselt, um so pro Tag 24 Stunden lang durchzufahren. Was sie den Frauen, Kindern und Männern, die auf der Flucht waren, zugestanden hätten, sei pro Tag eine Scheibe Brot und eine Tasse Wasser gewesen. „Aber nach zwei Tagen begannen sie, das Wasser mit Benzin zu strecken, weil sie nicht viel dabei hatten. Wasser braucht Platz und Benzin hatten sie eh dabei.“ Er habe sich mit diesem Gemisch nur etwas den Mund ausgespült, andere starben, weil sie es durstig getrunken hätten.

Haben Kidane erinnert sich, dass er einmal aus dem Auto gefallen war. „Wir waren ein Konvoi von vier oder fünf Autos. Fällt jemand runter oder raus, bleibt er einfach zurück. Ich hatte Glück und wurde wieder aufgelesen. Die Schläge des Schleppers waren dagegen ein geringer Preis.“ Den Schleppern sei es „scheißegal, ob jemand drauf geht, denn ihr Geld bekommen sie ja im Voraus“.

Seine Reise ging dann weiter auf ein Boot Richtung Italien. Das Boot war klein, aber darauf saßen 295 Personen.“ Diese Zahl sei ihm ins Gedächtnis gebrannt, weil man sie durchgezählt habe am Anfang. „Wir sind um vier Uhr morgens losgefahren, aber das Boot hat fast sofort geleckt. Dann fiel auch noch die Pumpe aus und wir mussten Wasser schöpfen, um nicht zu ertrinken.“ Plastischer wird die Situation, als er beschreibt, dass es niemandem möglich gewesen sei, aufzustehen, um seine Notdurft zu verrichten. „Man musste einfach alles unten raus lassen.“ Auf dem Boot habe es die ganzen zwölf Stunden kein Essen und jeweils nur eine Flasche Wasser gegeben, von daher sei das wohl das kleinere Problem gewesen. Blieben noch zwölf Stunden in Angst und fast ohne Hoffnung. „Die Menschen um mich herum hatten leere Augen, sie waren hungrig, durstig und sie waren müde. Genauso wie ich.“

Haben Kidane gesteht, dass er anfangs gar nicht nach Deutschland gewollt habe, sondern eher nach England, weil er die Sprache einfacher gefunden habe.

Schließlich überlebte er auch diese Überfahrt, fuhr mit dem Zug von Rom über die österreichische Grenze und dann weiter nach München. „In Rosenheim bin ich am Bahnhof ausgestiegen. Ich konnte mir unter dieser Stadt überhaupt nichts vorstellen, aber man sagte mir, ich müsste hier Asyl beantragen.“

Dreimal habe er gefragt, ob er in Deutschland sei, weil er es nicht habe glauben können. Schließlich sei man mit ihm am 11. April 2015 um 17.13 Uhr auf eine Polizeistation gefahren. Dort erledigte er den ersten Papierkrieg und lebte anschließend drei weitere Monate in einer Flüchtlingsunterkunft in Rosenheim. Letztlich sei er dann in Kronach angekommen. „Es war am 16. Juli 2015, das weiß ich noch ganz genau.“

Haben Kidanes Blick wandert von seiner Vergangenheit wieder in die Zukunft und das Lächeln kehrt in sein Gesicht zurück. Er blickt auf das Bild seiner Mutter, einer wunderschönen Frau, die er schon so lange nicht mehr gesehen hat und wohl auch nie mehr wieder sehen wird. Sie habe er stolz machen wollen, deshalb hatte er sich vorgenommen, dass aus ihm etwas werden sollte. „Die deutsche Sprache fand ich schwierig, auch mit der Kultur kam ich anfangs nur schwer zurecht. Und ich hatte lange Zeit Angst vor den Menschen.“

Die habe er mittlerweile überwunden, auch, weil er hier zur Berufsschule gegangen sei und eine Ausbildung als Industriemechaniker begonnen habe. Und seine Schulabschlüsse habe er nachgeholt, meint er stolz.

Mittlerweile habe er einen Gesellenbrief und arbeite immer noch bei Dr. Schneider in Neuses. „Leider habe ich nur einen Vertrag als Werksarbeiter bekommen. Es ist schade, dass ich nicht in meinem erlernten Beruf arbeiten kann, aber ich würde mich freuen, wenn es dennoch irgendwann möglich wäre.“

Allein mit seinem Job gibt sich Haben Kidane allerdings nicht zufrieden. Er hilft anderen Flüchtlingen, sich hier einzuleben und erledigt für sie viele Arbeiten. Außerdem spielt er leidenschaftlich gerne Fußball beim FC Kronach.

Über „seine Stadt“ sagt er: „Kronich ist was Besonderes.“ Dabei schaut er voller Stolz auf seinen eigenen Reisepass und auf seine Niederlassungserlaubnis. Am Ende meint er spontan: „Es ist doch noch alles gut geworden und ich habe jetzt keine Albträume mehr. Ich träume von anderen Dingen. Aber man kann aus der Vergangenheit lernen, in der Gegenwart leben und Zukunft kann man denken.“

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Haben Kidane aus Eritrea